Krankheiten

Münchhausen-Syndrom

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Das Münchhausen-Syndrom ist eine schwere psychische Störung, bei der die Patienten körperliche Erkrankungen vortäuschen oder absichtlich hervorrufen. Dazu gehören zwanghaft selbstschädigendes Verhalten, das Erfinden spektakulärer Krankengeschichten und ständige Ärztewechsel. Lesen Sie hier alles Wichtige zum Münchhausen-Syndrom.

ICD-Codes für diese Krankheit: ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits-bescheinigungen. F68

Menschen mit Münchhausen-Syndrom stellen für Ärzte und Pflegepersonal eine große Herausforderung dar. Eine Therapie ist zudem leider schwierig, weil Betroffene sie meist ablehnen.

Marian Grosser, ArztArtikelübersichtMünchhausen-Syndrom
  • Beschreibung
  • Symptome
  • Ursachen und Risikofaktoren
  • Untersuchungen und Diagnose
  • Behandlung
  • Krankheitsverlauf und Prognose

Münchhausen-Syndrom: Beschreibung

Das Münchhausen-Syndrom ist eine schwere psychische Störung. Die Betroffenen täuschen körperliche oder psychiatrische Symptome sowie Behinderungen vor - oder rufen diese absichtlich hervor. Ein solches Verhalten bezeichnet man auch als artifizielle Störung. Sie scheuen weder Schmerzen, bleibende körperliche Schäden noch Mühen, um glaubhaft zu vermitteln, krank zu sein. Schmerzhafte Behandlungen oder gefährliche Eingriffe wie Operationen schrecken sie nicht ab. Ihr Leben dreht sich vornehmlich darum, von einem Arzt zum anderen und von Klinik zu Klinik zu wandern.

Anders als andere Patienten mit einer artifiziellen Störung erfinden sie oft spektakuläre Krankengeschichten und denken sich oft auch Erlebnisse aus, die andere Lebensbereiche betreffen. Benannt ist die Störung daher nach dem berühmten "Lügenbaron" Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen.

Unterscheidung zu Simulanten

Die Betroffenen verletzen sich zwar selbst oder täuschen geschickt gesundheitliche Probleme vor. Sie haben aber keine finanziellen Interessen oder andere äußere Anreize für ihr Verhalten, daher zählen sie nicht zu den Simulanten. Ihr Verhalten ist zwanghaft und zielt darauf ab, Aufmerksamkeit zu erhalten und medizinisch behandelt zu werden. Menschen mit dem Münchhausen-Syndrom sind dennoch schwer von Simulanten, die psychisch gesund sind und aus dem Vortäuschen von Krankheiten Vorteile ziehen, zu unterscheiden.

Wer ist vom Münchhausen-Syndrom betroffen?

Es gibt zurzeit keine Untersuchungen, die die Zahl der Betroffenen zuverlässig einschätzt. Experten gehen davon aus, dass etwa zwei Prozent aller Patienten im Krankenhaus artifiziellen Störungen leiden, ein Teil von diesem wiederum am Münchhausen-Syndrom. Die tatsächliche Zahl könnte aber deutlich höher liegen, da viele Fälle nicht erkannt werden.

Während artifizielle Störungen meist Frauen betreffen, insbesondere solche mit medizinischem Fachwissen, tritt speziell das Münchhausen-Syndrom häufiger bei Männern auf. Neben den Symptomen des Münchhausen-Syndroms werden bei ihnen oft Persönlichkeitsstörungen wie zum Beispiel die Borderline-, narzisstische oder dissoziale Persönlichkeitsstörung diagnostiziert. Menschen mit Münchhausen-Syndrom meiden den Aufenthalt in psychiatrischen oder psychosomatischen Einrichtungen. Sie haben meist keine Krankheitseinsicht oder fürchten sich davor, ihr zwanghaftes Verhalten aufgeben zu müssen.

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

Eine Sonderform ist das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom auch Münchausen-by-Proxy-Syndrom genannt. Dabei schädigen die Betroffenen nicht sich selbst, sondern andere - meist sind es Mütter, die ihre Kinder verletzen und krankmachen. Anschließend lassen sie sie ärztlich versorgen und kümmern sich aufopferungsvoll um sie. Auch dies erschütternde Verhalten geschieht nicht aus Bosheit oder Sadismus, sondern aus einem inneren Zwang heraus.

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Münchhausen-Syndrom: Symptome

Das Münchhausen-Syndrom gehört zu den artifiziellen Störungen. Kennzeichnend ist, dass die Patienten Krankheiten vortäuschen oder künstlich herbeirufen. Im Unterschied zu anderen Personen mit artifizieller Störung haben Patienten mit dem Münchhausen-Syndrom jedoch kein intaktes soziales Umfeld. Im Folgenden lesen Sie weitere Symptome, die typisch für das Münchhausen-Syndrom sind.

Selbstschädigendes Verhalten:

Patienten mit dem Münchhausen-Syndrom greifen zu teils drastischen Maßnahmen, um eine medizinische Behandlung zu erhalten. Sie fügen sich Wunden zu, infizieren oder verätzen ihre Haut mit Flüssigkeiten, bringen sich in den Unterzucker oder zapfen sich selbst Blut ab, um eine Blutarmut zu erzeugen.

Sie können zudem organische Probleme wie Magen-Darm oder Herzbeschwerden so überzeugend darstellen, dass sie von Ärzten operiert werden. Nach der Operation sabotieren sie die Heilung, indem sie beispielsweise Narben infizieren. Auch die Einnahme von unnötigen Medikamenten und Drogenmissbrauch nutzen sie zur Schädigung des Körpers.

Fehlender Leidensdruck

Die Schmerzen, die sich die Betroffenen selbst oder durch unnötige ärztliche Eingriffe zufügen, scheinen ihnen gleichgültig zu sein. Eine Heilung wird sabotiert. Ziel ist immer, eine körperliche Erkrankung zu erzeugen oder aufrechtzuerhalten. Patienten mit dem Münchhausen-Syndrom fallen in Kliniken häufig dann auf, wenn sie über eine erfolgreiche Behandlung keine Freude zeigen.

Beziehungsabbrüche

Sobald sie in einer Klinik behandelt wurden, brechen sie frühzeitig den Aufenthalt gegen ärztlichen Rat ab und lassen sich in einer anderen Klinik aufnehmen. Auch wenn der behandelnde Arzt Verdacht schöpft, suchen sie sich einen neuen. Das Springen von einem Arzt zum nächsten wird als „Ärztehopping“ oder „doctor shopping“ bezeichnet. In der Folge wechseln sie permanent ihren Aufenthaltsort. Deshalb und auch weil sie fürchten, mit der Unwahrheit ihrer Geschichten konfrontiert zu werden, haben sie kein soziales Umfeld. Das medizinische Personal ist häufig der einzige Ansprechpartner.

Zwanghaftes Lügen

Typisch für das Münchhausen-Syndrom ist das sogenannte pathologische Lügen oder „Pseudologica phantastica“. Die Patienten erfinden unkontrolliert und wie aus einem inneren Zwang heraus ständig neue Lügengeschichten für ihre Krankenakte. Ihre Symptome leben sie dabei sehr dramatisch aus.

Identitätsstörung

Hinter dem Münchhausen-Syndrom steht in der Regel eine Persönlichkeitsstörung. Die Patienten stehen in großem Konflikt mit ihrer eigenen Identität und leiden unter starken Selbstwertproblemen. Die erfundenen Geschichten helfen ihnen, immer wieder eine neue Identität aufzubauen, von der sie auch zeitweise selbst überzeugt sind. Sobald Ärzte hinter die Fassade blicken, brechen sie die Beziehung ab, um ihre falsche Identität zu schützen.

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Münchhausen-Syndrom: Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Ursachen des Münchhausen-Syndroms sind noch unbekannt. Viele Patienten berichten jedoch von traumatischen Erlebnissen in der Kindheit. Das können beispielsweise häufige Verlusterlebnisse, Misshandlungen oder Vernachlässigungen im Kindesalter sein. In manchen Fällen litt bereits ein Elternteil am Münchhausen-Syndrom.

Manche Experten vermuten Lebensmüdigkeit hinter dem Münchhausen-Syndrom. Das ständige selbstschädigende Verhalten ist ein Hinweis auf den Versuch, sich das Leben zu nehmen. Gleichzeitig offenbart es das gestörte Selbstbild. Eine zentrale Rolle spielen auch die oftmals zugrundeliegenden Persönlichkeitsstörungen.

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Münchhausen-Syndrom: Untersuchungen und Diagnose

Für die Ärzte ist das Münchhausensyndrom schwer zu erkennen, da die Patienten selten längere Zeit bei einem Arzt bleiben. Die Münchhausen-Patienten spielen die Krankheiten sehr glaubhaft vor, sodass der Arzt zunächst ausführliche Untersuchungen durchführen und selbst erzeugte Verletzungen behandeln wird. Erst nach einiger Zeit oder durch Gespräche mit einem früheren behandelnden Arzt fällt das Münchhausen-Syndrom auf.

Ein Hinweis auf ein Münchhausen-Syndrom ist die Gleichgültigkeit der Patienten gegenüber schmerzhaften oder gefährlichen medizinischen Eingriffen. Auffällig ist auch, dass sich die Symptome laut Patient immer wieder verschlechtern, nachdem sie behandelt worden sind. Wenn sich im Laufe der Behandlung herausstellt, dass die Symptome - ohne ersichtlichen Grund - selbst herbeigeführt werden, wird der Arzt einen Psychiater oder Psychotherapeuten empfehlen.

Nach der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) müssen folgende Kriterien für das Münchhausen-Syndrom zutreffen:

  1. Anhaltende Verhaltensweisen, mit denen Symptome erzeugt oder vorgetäuscht werden und/oder Selbstverletzungen, um Symptome herbeizuführen.
  2. Es gibt keine äußere Motivation, wie zum Beispiel finanzielle Entschädigung, für dieses Verhalten.
  3. Ausschlussvorbehalt ist das Fehlen einer gesicherten körperlichen oder psychischen Störung, die die Symptome erklären könnte.

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